Die Suche nach den Ursachen

Streit, Kampf, Krieg – wer sich mit Geschichte befasst, der befasst sich notgedrungen sehr stark mit dem Aufeinanderprallen von Menschen, Parteien und Staaten.

Für Geschichtswissenschaftler ist es dabei selbstverständlich, nicht nur den unmittelbaren Anlass für eine Auseinandersetzung zu betrachten, sondern nach den tieferliegenden Ursachen zu forschen.

Am Beispiel des 1. Weltkrieges haben wir das während meines Studiums intensiv untersucht und heftig miteinander diskutiert: Wer war schuld am Ausbruch des Krieges? Deutschland, Serbien, die Attentäter, Österreich-Ungarn, Russland …? Die Politiker haben das Geschehen vor über 100 Jahren jeweils von ihrem jeweiligen Standpunkt aus betrachtet und in einem Punkt waren sie sich einig: Schuld waren die anderen.

Auch nach Ende dieses Krieges wurden viele Fehler gemacht. Es gab Verträge, die nicht dauerhaften den Frieden gesichert haben, sondern Ausgangspunkt für weitere Auseinandersetzungen zwischen den Staaten waren. Es gab von allen Seiten Propaganda, mit der die Völker gegeneinander aufgehetzt wurden. Und es gab gesellschaftliche Verwerfungen innerhalb von Staaten und Parteien. Die Gemengelage wurde innerhalb weniger Jahre zunehmend komplizierter und unübersichtlicher, die Welt wurde zunehmend unfriedlicher – es gab wieder Krieg. Diesmal noch unheilvoller als zuvor.

Wir Geschichtsstudenten konnten uns damals immerhin auf zwei Erkenntnisse einigen:

1. Die Ursachen für Konflikte sind meistens vielfältig, die Gemengelage komplex und in solchen aufgeheizten Situationen genügt dann oft ein Funken, der die Explosion auslöst.
2. Es gibt immer – bis zuletzt – Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen und aus der Eskalationsdynamik auszubrechen.

Was hat das mit Mediation zu tun? Für mich persönlich war es eine Lehre fürs Leben. Im Privaten wie besonders auch im beruflichen Umfeld hat mir diese Erkenntnis seitdem entscheidend geholfen.

Wenn zwei sich streiten, dann lohnt es sich, etwas tiefer zu graben. Und eigentlich immer zeigt sich, dass der aktuelle Streit mehr mit der – oft gemeinsamen – Geschichte zu tun hat als mit dem aktuellen Anlass.

Oder vom Ende hergedacht: Wer sich bei der Konfliktlösung nur mit den scheinbaren offensichtlichen Gründen beschäftigt, wird keine dauerhaft tragfähigen Lösungen erreichen.

Gleiches gilt auch für die Vermeidung von Konflikten. Wenn ein Problem auftritt, dann ist es sinnvoll und hilfreich, sich Zeit zu nehmen und etwas genauer hinzusehen. Denn wenn die tatsächlichen Ursachen nicht gefunden und behoben werden, dann wird jede Lösung nur Stückwerk bleiben und das Problem tritt über kurz oder lang erneut auf.

Das ist kein einfacher Prozess, die meisten Menschen scheuen ihn. Aus Zeitgründen – und weil sie unsicher sind, was zutage treten wird, wenn sie genauer hinschauen. In unserem gehetzten Alltag wird meistens versucht, schnelle Lösungen zu finden, ob diese auch in Zukunft tragfähig sind, interessiert die direkt Beteiligten sehr oft nicht – mögen sich doch später andere darum kümmern.

Die Aufgabe von Mediation ist Vermittlung, Unterstützung zu geben, wo die Beteiligten diese brauchen, um größeren Schaden zu vermeiden. Mediation gräbt nicht vorrangig nach den „alten Geschichten“, aber Mediation erfordert Ehrlichkeit und Offenheit der Beteiligten, die Bereitschaft sich einzulassen auf den Prozess.

Das ist im Privaten so, dass ist im Beruflichen so und das ist in der Politik so.

Susanne Seidel
planungsmediation
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