Zwei Kinder streiten sich erbittert. Um ein paar Orangen.
Das erfragen die Eltern schnell und treffen nach kurzem Nachdenken eine naheliegende Entscheidung: beide Kinder erhalten jeweils zwei von den vier Orangen.
Doch jetzt sind die Kinder erst recht sauer – auf die Eltern. Nach einigem Hin und Her klären sie das Problem: Der Junge möchte das Fruchtfleisch haben, das Mädchen die Schale. Er will Orangensaft machen, sie will einen Kuchen backen. Mit jeweils zwei ganzen Orangen ist beiden nicht geholfen.
Wieder Nachdenken, Diskussion und dann die Idee: Die Schalen erhält das Mädchen, das Fruchtfleisch erhält der Junge – so sind beide zufrieden.
Das ist das wohl bekannteste Beispiel, mit dem bei Vorträgen oder in Ausbildungen die entscheidende und spannendste Phase in einer Mediation verdeutlicht werden soll: Wie kommt man von den festgefahrenen Positionen zu den eigentlichen, den wichtigen Interessen?
Eine ähnliche Situation wird aus den Verhandlungen um die Beilegung des Sinai-Konfliktes berichtet. Beide Staaten, Ägypten und Israel, beanspruchten diese Halbinsel für sich. Und mit einer Teilung waren beide Staaten nicht einverstanden.
Vereinfacht gesagt standen hinter der jeweiligen Position der beiden Staaten „Sinai gehört uns“ ganz unterschiedliche Interessen: Tradition, Geschichte, Ehre auf der einen Seite, die aktuelle Sicherheit auf den anderen. Deshalb konnten sich dann auch beide Seiten einverstanden erklären mit der Lösung: Sinai wurde entmilitarisierte Zone, zugehörig zu Ägypten und doch für Israel ohne Bedrohungspotential.
Beide Beispiele zeigen, dass es gerade dann, wenn die Fronten verhärtet, die Positionen scheinbar unvereinbar sind, wichtig ist, die Hintergründe eines Konfliktes zu erfragen. Zu erkunden, aus welchen Interessen und Bedürfnissen heraus die jeweiligen Positionen entstanden sind und worum es den Beteiligten wesentlich geht.
Wird um Geld gestritten, dann sind es vielleicht die Sorgen eines Auftragnehmers um seine Liquidität oder das Gefühl des Kunden, das Ergebnis der Arbeit sei nicht wirklich wie er es sich vorgestellt hatte.
Gefühle wie Angst und Enttäuschung bestimmen die Auseinandersetzung.
Wenn die Beteiligtenerkennen, dann gibt es eine neue, oft überraschende, Gesprächsgrundlage. Dann geht es nicht mehr um Schuldzuweisungen und Verteidigung, um Beweise und Gegenbeweise, um Gutachten und Gegengutachten.
Die Beteiligten können verstehen, wie es zu der Konfrontation gekommen ist, sie können einsehen, dass die andere Seite auch nachvollziehbare Gründe hat. Und dann – erst dann – können die Beteiligten gemeinsam nach Auswegen suchen.
Wenn die Kinder und die Eltern aus dem Eingangsbeispiel nicht nur kurzfristig zufrieden sind mit der gefundenen Problemlösung, sondern auch dauerhaft daraus lernen, dann werden sie in Zukunft in vielen Situationen, die unauflösbar zu sein scheinen, nach neuen Wegen suchen. Und neue Wege finden.
Sie werden immer dann, wenn zustimmen oder ablehnen als die einzigen Optionen im Raum stehen, nachfragen, worum es denn eigentlich geht. Was sind die verborgenen Ängste, Ziele, Interessen?
Es erfordert manchmal Überwindung, den anderen anzuhören, zu respektieren und ernst zu nehmen. Aber es lohnt sich. Einen Versuch ist es immer wert.











